Sonntag, 17. Oktober 2010

Tagesanzeiger: Der Dialekt als Sprache des Herzens? Pardon, das ist Kitsch!

Der Germanist Peter von Matt (emeritierter Professor der Uni Zürich) über Dialekt und Hochdeutsch in der heutigen Zeit. Der Artikel nimmt in der Papierausgabe praktisch die komplette Frontseite des Bundes "Kultur und Gesellschaft" ein. Ein prominenter Platz also auf dem ein gescheiter Kopf seine Gedanken ans Publikum bringen darf.

Schon der Titel zeigt, in welche Richtung dieser Artikel gehen wird.
"Standardsprache ist ein so hässliches Wort, dass man seinen Erfinder aus der Sprachgemeinschaft ausschliessen sollte; ich verwende es an dieser Stelle nur, um öffentlich zu erklären, dass ich es nie mehr verwenden werde."
Hier stimme ich voll und ganz mit Herrn Matt überein.  Ich denke jedoch, dass dieses hässliche Wort den Kern der Sache sehr gut trifft. Es umschreibt den Sinn dieser Sprache viel Besser als die Ausdrücke "Hochdeutsch" oder "Schriftdeutsch".

"Nun hat sich aber in diesem Lande seit einiger Zeit der Wahn ausgebreitet, der Schweizer Dialekt sei die Muttersprache der Schweizer und das Hochdeutsche die erste Fremdsprache."
Aha, es ist also ein Wahn, wenn man anders denkt als der Professor? Neurologisch ist jedoch ganz klar, dass die erste gelernte Sprache die Muttersprache ist, und das ist in der Schweiz nun einmal meist ein schweizer Dialekt.

Als Germanist müsste Herrn Matt auch klar sein, dass die Unterschiede zwischen Hochdeutsch und Schweizerdeutsch viel grösser sind, als nur ein paar "Schweizerismen" und Dialektausdrücke. Man denke nur an das beliebte Wort "go" (z.B. I gang go ässe) oder das komplette Fehlen des Präteritum (Vergangenheitsform. Schweizer Dialekte kennen nur den Perfekt, die "Vorgegenwart"). Aber Herr Matt weiss sicher, wovon er spricht. Alltagserfahrung ist schliesslich vergänglich während wissenschaftliche Fakten ewig sind.
"Das ist Unsinn, führt aber zu einer chronischen Einschüchterung der Deutschen in der Schweiz, denen man unterstellt, dass sie «unsere Sprache» nicht beherrschten. In Wahrheit ist in der Schweiz der Dialekt nur für Analphabeten die ausschliessliche Muttersprache."
Unsinn ist es also - und Analphabeten sind Leute, die nur Dialekt als Muttersprache haben. Wer also nicht schon Hochdeutsch mit der Mutterprache aufsaugt ist ein Analphabet. Naja, als Professor darf man sich  solche Verunglimpflichungen anscheinend erlauben.
"Unsere Muttersprache ist Deutsch in zwei Gestalten: Dialekt und Hochdeutsch, und zwar so selbstverständlich und von früher Kindheit an, wie das Fahrrad zwei Räder hat."
Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich. Es gibt ja auch drei und vierrädrige Fahrräder (in der Schweiz wird unter den Analphabeten übrigens das "Fahrrad" durchgängig als "Velo" bezeichnet).


Wow, langsam muss ich mich mit den Zitaten zurückhalten, sonst heisst es am Schluss, ich hätte den ganzen Artikel kopiert. Aber es gibt ja auch zu jedem Satz etwas zu sagen.

Weiter schreibt Herr Matt
"Der verbreitete Wahn, nur der Dialekt sei die Muttersprache der Deutschschweizer, beruht auf einer Mischung von Denkschwäche, Sentimentalität und Borniertheit. Und er hat bedenkliche Folgen. Er beschädigt die Liebe zum Deutschen und damit die Kulturfähigkeit vieler Schweizer. Denn wer seine Muttersprache nicht liebt, arbeitet auch nicht mit Lust daran sein Leben lang. Wer aber nicht sein Leben lang mit Lust an seiner Muttersprache arbeitet, rutscht langsam weg aus den schöpferischen Zonen seiner Kultur."
Und weiter gehen die Beleidigungen. "Denkschwäche, Sentimentalität und Borniertheit". Und alles, was nicht Hochdeutsch ist, ist keine Kultur. Zum Glück bin ich sowieso ein Kulturbanause und darf deshalb auch an Dingen Freude haben, die nicht in perfektem Hochdeutsch geschrieben sind bzw. vorgetragen werden.
"Aber wenn er deshalb jene Gestalt seiner Muttersprache abwertet, über die er mit der ganzen deutschen Sprachkultur verbunden ist und über die der geistige Austausch, das Geben und Nehmen denkender Köpfe wesentlich geschieht, verfehlt er sich gegenüber einem unersetzlichen Stück seiner Heimat."
Und wieder so eine Breitseite:"Denkende Köpfe tauschen sich in Hochdeutsch aus." Lustigwerweise hab ich das an der Uni Zürich anders erlebt. Entweder wird Dialekt gesprochen oder dann meist sowieso gleich Englisch.
Das Zitat da oben ist ein einziger Satz. Mrt hätten 2 Zeilen als Zitat gereicht. Aber von einem Professor und Germanisten kann man nicht erwarten, dass er für uns Proleten, die sich in den Niederungen des Dialektsumpfes suhlen, leicht verdauliche Sätze konstruiert.
"Der Wahn, der Dialekt sei die einzige und eigentliche Muttersprache, hat zur Folge, dass sich manch ein Deutschschweizer das Recht herausnimmt, auch mit Deutschen und Österreichern sofort und ausschliesslich im Dialekt zu sprechen. Das ist ungehobelt, bäurisch und stillos. Noch schlimmer aber ist, dass dieses Verhalten den blitzschnellen Wechsel zwischen den zwei Gestalten der Muttersprache, der in der Schweiz lange Zeit ganz selbstverständlich praktiziert wurde und die Sprachfertigkeit des Deutschschweizers ebenso bewies wie seine Sprachfreude, zusehends zum Verschwinden bringt."
Schon wieder spricht Herr von Matt von diesem Wahn. Das scheint zu seinem Lieblingswort zu werden. Hat dieser Mann kein Synonymen-Wörterbuch? Und dass wir häufig automatisch ins Hochdeutsche verfallen, sobald wir auf Hochdeutsch angesprochen werden ist nicht einfach nur Freundlichkeit sondern zu einem guten Teil einfach die Konditionierung aus unserer Schulzeit. Je häufiger man aber mit Leuten zu tun hat, die selbst Hochdeutsch sprechen, uns jedoch auffordern, selbst im Dialekt zu verbleiben, desto mehr fällt diese Konditionierung weg. Daher ist es nur natürlich, dass das automatische Umschalten immer weniger passiert, da wir in der Arbeitswelt besonders im Norden und Osten der Schweiz immer mehr mit Deutschen und Österreichern zu tun haben (die zumeist sehr wohl Dialekt verstehen).
"Tritt ein Deutscher hinzu, schalten sie um ins Hochdeutsche. Auch das wäre gut so und richtig. Nur tun sie es heute immer weniger, die Jungen fast überhaupt nicht mehr."
Quellen? Zahlen? Leider Fehlanzeige. Kann ich aus meiner Erfahrung nicht so bestätigen. Natürlich ist es nichts als anständig, in einer Sprache zu sprechen, die die meisten Anwesenden verstehen.

So geht es noch einige Zeilen lang weiter. Noch ein paar weitere Abwertende Bemerkungen und dann ist der Artikel zu Ende.

Was bleibt?
Herr von Matt hat keinerlei Anstand in den Knochen und wirft mit Beleidigungen um sich. Sich selbst sieht er offenbar auf dem Thron der Erkenntnis. Schade und bedenklich. Bedenklich, weil man davon ausgehen muss, dass dieser Mann mit seiner Einstellung die nächste Generation der Germanistikstudenten ausbildet und beeinflusst.

Edit am 17.10.2010 um 09:42: Auch andere haben sich mit dem Thema beschäftigt. Blogwiese hatte seinen Beitrag schon deutlich früher als ich online. Sehr empfehlenswert zu lesen!

Kommentare:

  1. Richtig ist, dass die Muttersprache ein Teil der Kultur ist. Der Dialekt ist es auch. Aber wir können doch nicht die Kultur allein auf die Sprache reduzieren. Meint von Matt mit Kultur etwa die Dichter und Denker, die das Hochdeutsch überdurchschnittlich beherrschen? Oder meint er die Wissenschaften und Künste? Die Kultur ist mehr als das. Für den “Bürger-Herold” ist es der “fruchtbare Boden”, auf dem alles Gute gedeihen kann, z. B. die millionenfache Lebensleistungen von Menschen.

    AntwortenLöschen
  2. Zuerst schauen Sie bitte das Wort "Verunglimpflichungen" im Duden nach.

    AntwortenLöschen
  3. Schade, dass sich der (leider anonyme) Autor des Kommentars nicht mal die Mühe gemacht hat, sein Problem zu erklären.
    So wirkt dieser Kommentar leider nicht sonderlich sachlich.

    Also, an den Anonymen Autor:"Das nächste mal bitte etwas mehr Info für uns bäuerische und stillose Schweizer"

    AntwortenLöschen
  4. Macht einen Kommentar noch nach 2 Jahren Sinn?

    Ich finde Ihre Bemerkungen zum Artikel toll!
    Wir benutzen den Text zurzeit als Teil einer Arbeit am Departement für Angewandte Linguistik.

    Ich empfinde keine Empörung, sondern eher eine Beleidigung meiner Muttersprache, des Dialekts.

    Kommentar zum Kommentar:
    Ich denke der anonyme Autor vom 25. Oktober will auf die korrekte Rechtschreibung des Wortes hinweisen.
    http://www.duden.de/rechtschreibung/Verunglimpfung

    AntwortenLöschen